​Sense

Scharf, süß und rauchig floss ihm der Whiskey die Kehle hinunter. So ließ es sich aushalten.

Als das Glas sich wie von selbst leerte, goss Karl, sein Freund, ihm ein weiteres Gläschen ein. Karl war ein untersetzter älterer Herr. Schon ein paar Jahre in Rente.

Er, Wilhelm, schnitt derweil die Enden der zwei Zigarren ab und reichte Karl eine.

«Wo bleibt Heinrich?», fragte Karl.

«Er verspätet sich. Ist doch nichts Neues?»

Seufzend rollte Karl die Augen. «Nicht einmal zu seinem Geburtstag kann er pünktlich sein, und das in seinem Alter.»

Ein Klingeln.

Langsam ging Karl hinüber und hob ab.

«Ich hier! Wer da?»

Karls Augen wurden groß. Mit einem Knopfdruck hörte Willy auch was er hörte. Heinrichs kreischende Stimme. Sie hallte leicht von den Wänden wieder.

«Er ist hier! Helft mir! Der Tod!» Dazwischen hörten sie ihn schluchzen. Willy brauchte einige Sekunden bis er sich gefangen hatte.

«Richi, beruhige dich! Wo bist du?» Wilhelms Stimme klang sachlich, auch wenn sie etwas zitterte.

«Zuhause. Zuhause.», heulte es leicht verzerrt durch den Lautsprecher. Lautes Scheppern ertönte. Dabei zuckte Karl zusammen und löste sich aus seinem Schock. Willy musste nicht sehen, wohin Karl rannte, um zu wissen, dass er seine Autoschlüssel holte.

«Wir kommen zu dir!», rief er dem Hörer zu, als er sich in Richtung Tür bewegte.

So raste Karl die Straße hinunter. Dabei drückte die Beschleunigung Willy in den Beifahrersitz.

Willy war hin und hergerissen zwischen Sorge und Todesangst.

«Musst du unbedingt fahren wie der Henker?»

Auf mein Gemecker reagierte Karl gar nicht mehr. Allerdings sehr wohl auf das Aufheulen einer Sirene und Blaulicht.

 

Eine Stunde später befanden sich die Beiden auf der Wache und die ganze Belegschaft machte sich über die zwei betagten und betrunkenen Käuze lustig. Zur Beruhigung von Karl und Willy schickte man eine Streife bei ihrem Freund Heinrich vorbei. Aber auch nur damit die Beiden endlich ruhig waren. Dafür durften sie in die Ausnüchterungszelle und ihr Blut wurde auf weitere Drogen untersucht.

«Heinrich wird vom Tod geholt und wir sitzen hier. Schöne Freunde hat er da!», brüllte Karl durch die Zelle.

Im Nachhinein fragte sich Willy gar nicht mehr, wie sie hier gelandet waren. Er hoffte nur noch, dass Heinrich wohlbehalten aufgefunden würde.

«Unfassbar schnelle Freunde.»

«Jetzt bin ich wieder schuld? Willst du das im Ernst sagen?»

Daraufhin herrschte Stille.

Die Betten waren enorm unbequem. Gerade wenn man alte Knochen und schon einen Bandscheibenvorfall hatte. Wilhelm fragte sich, ob er aus diesem Bett wohl ohne Hilfe aufstehen konnte. Ansonsten hatten die Polizisten noch mehr zu lachen.

Und der Abend hatte so gut angefangen.

 

Metall schabte gegeneinander. Karl und Heinrich wurden so von Polizist Jan Herbig geweckt.

«Sie dürfen jetzt gehen.»

«Was ist mit unserem Freund Heinrich?», fragte Karl sofort.

«Er war gar nicht zuhause.»

«Das kann nicht sein.»

«Er wird sich einen Streich erlaubt haben. Wir haben die Wohnung öffnen lassen. Dort war nichts.»

 

Danach zogen fünf Jahre ins Land und Karl und Wilhelm lebten zusammen im betreuten Wohnen. Zwei rüstige Rentner in einer Schar von älteren Ladies.

Karl und Wilhelm saßen auf dem Balkon und genossen den Wein. Als Karl die süße Siebzigjährige von Gegenüber, Elenor, sah, pfiff er laut hinter ihr her. Freudig strahlte sie ihn an. «Karl du Schwerenöter.», rief sie hoch.

«Wie kannst du bei der ganzen Ausbeute nur so cool bleiben?», fragte Karl seinen Freund.

«Ganz einfach. Für solche Bräute bin ich noch nicht blind genug.»

«Frauen sind wie Wein. Werden im Alter besser.»

«Wenn sie nicht korken?»

«Du solltest dein restliches Leben mehr genießen. Wir wissen, dass es nicht ewig anhält. Nimm lieber alles mit, was das Leben dir bietet.»

Wilhelm sah sich seinen Kumpanen genau an. Das war das Ernsteste was er in den vergangenen fünf Jahren von Karl gehört hatte.

«Willst du über Heinrich reden?»

Langsam schüttelte er den Kopf und nahm einen großen Schluck Wein. Aus den Augenwinkeln sah Wilhelm eine Bewegung in der Wohnung. Zuerst dachte er, dass es seine hübsche Pflegehilfe Sandy wäre. Doch zu seinem Unmut stand ein groß gewachsener Pfleger vor ihm.

«Hallo, mein Name ist Kai Sperling. Ab heute kümmere ich mich um sie beide.»

Das ältere Pärchen guckte diesen Jungspund entgeistert an.

«Na klasse.» Der Sarkasmus in Karls Stimme war nicht zu überhören.

«Früher war alles besser.», murmelte Wilhelm mürrisch und sah dabei kritisch Kai an.

«Was ist mit Sandy passiert?»

«Sie arbeitet jetzt im Büro.»

«Und warum hat man dann nicht eine richtige Pflegerin geschickt?», fragte Karl provozierend.

«Dann werde ich versuchen mir ein paar Brüste wachsen zu lassen.»

Dabei lag ein süffisantes Lächeln auf Kais Lippen. Mit einer Gewissheit, dass sie definitiv vor ihm sterben würden. Dieses Wissen verursachte eine tiefe Falte auf Karls Stirn.

«Morgen auf deiner Geburtstagsparty sind dann wohl nur noch alte Hühner.», grummelte Wilhelm.

«Wie alt werden Sie denn morgen?» Dabei strahlte Kai und lächelte Karl an.

«80.», erwiderte dieser mürrisch.

«Das ist doch ein schönes hohes Alter.»

Die kritischen Blicke, die Kai bei diesem Satz entgegenschlugen, ließen für eine Sekunde sein Lächeln schwinden. Nach diesem Augenblick strahlte er wieder. «Ich werde mit Vergnügen auf eurer Feier erscheinen.»

Hatte er sich gerade selbst eingeladen? Doch bevor Karl und Wilhelm noch Einwände erheben konnten, verschwand Kai in Richtung Küche. Räumte mit einer enormen Geschwindigkeit die zuvor eingekauften Lebensmittel in die Schränke. Und dann verschwand er auch schon wieder.

 

Als Wilhelm am nächsten Morgen aufwachte, klapperte das Geschirr in der Küche. Verschlafen schlurfte er zur Tür und öffnete sie langsam. Er hatte erwartet Karl dort zu sehen. Aber Kai stand in der Küche. Er schnitt Fleisch in Streifen und legte es auf eine Platte. Von Karl war weit und breit nichts zu sehen.

Wilhelm sah einen Moment verdattert aus und ging dann auf den Balkon hinaus. Da war Karl und zwitscherte das erste Bier.

«Kein Bier vor vier.» Wilhelms Stimme klang nicht gerade überzeugend.

«Nach vier ist vor vier.» Dabei lag ein süffisantes Lächeln auf Karls Lippen.

«Happy Birthday!»

Danach setzte sich Wilhelm zu Karl.

«Was macht der Grünschnabel denn eigentlich schon hier?»

«Er bereitet die Party vor. Hat sich ja gestern dazu angeboten.»

«Und du hast vor, dass bis zum Letzten auszunutzen.»

Es war keine Frage. Er kannte Karl gut genug, um zu wissen, dass er seinen Vorteil bis zuletzt ziehen würde.

 

Den ganzen Vormittag verbrachte Kai damit die Party vorzubereiten. Und dies tat er mit seinem ihm eigenen fröhlichen Wesen.

Die beiden älteren Herren waren genervt davon. Selbst, als die schweren Getränkekisten von ihm hochgeschleppt wurden, war er unverschämt fröhlich.

Aber dafür war die Party perfekt vorbereitet, als um vier Uhr Elenor eintraf. Die Feier fand auf der zur Verfügung gestellten Terrasse und in Karls und Wilhelms Wohnung statt.

Elenor war schon nach zwei Gläsern des Früchtepunschs ausgelassen und tanzte mit Karl, als ob sie zwanzig wären. Ebenso wurde Wilhelm ausgelassen und tanzte mit einer Freundin von Elenor, Sabine.

 

Sabine erzählte Wilhelm von ihrer Familie, ihrem verstorbenen Mann, ihren verstorbenen Terriern. Und dem Umstand, dass sie im Moment unglücklich darüber war im Altersheim keinen Hund mehr halten zu dürfen. Da Wilhelm den richtigen Pegel hatte, empfand er das Gespräch sogar als angenehm. Obwohl es schon dunkel war, herrschte auf der Terrasse eine angenehme Temperatur.

Als er auf seine Uhr sah, erschrak er. Fünf Stunden waren seit Beginn der Party verstrichen. Er hatte Karl gar nicht mehr gesehen. Wankend stand er auf. Dabei drehte sich die ganze Welt um ihn. Komisch, er konnte sich nicht erinnern so viel getrunken zu haben. Als er sich nach vorne beugen wollte, um sich bei Sabine zu entschuldigen, sah er im Dunkeln ein Gesicht zwischen den Bäumen aufblitzen. Es war kein normales Gesicht. Es war ein skelettierter Kopf.

Keuchend drehte sich Wilhelm um und versuchte in Richtung seiner Wohnung zu laufen. Obwohl sein Blick verschwommen war, versuchte er zwischen den noch vorhandenen Gästen Karl auszumachen. Als er im Flur seiner Wohnung stand, kam ihm Elenor entgegen.

«Hast du Karl gesehen?», stammelte Wilhelm.

«Nicht seit einer Stunde. Er wollte dich suchen. Aber in der Wohnung ist er auch nicht.»

Panik überfiel Wilhelm, als er sich wieder an die Fratze im Schatten erinnerte.

 

Wilhelm wachte in einem weißen Bett auf. Alles fühlte sich matt und kribbelnd an. Wo war er? Das war nicht seine Wohnung. Karl! Dabei spürte er sein Herz bis zum Hals schlagen.

Was war mit Karl passiert? Dann konnte er sich wieder an seinen Ausbruch erinnern.

Nun sah er sich seine Umgebung genauer an. Die Wände waren mit beigem Lack angestrichen. Das Licht blendete ihn, genauso wie die Wände, obwohl diese nicht mal weiß waren. Es wirkte steril. Das Bett, auf dem er lag, hatte einen Holzrahmen und fühlte sich hart an.

Er stand auf und hatte noch die Wäsche vom Vortag an. Zumindest nahm er an, dass es gestern gewesen war. Dann stieg er aus dem Bett, öffnete die Zimmertür und schritt den Gang entlang. Überall an den Wänden hingen Tücher. Der Gang musste doch auch Türen haben. Am Ende des Flurs stand eine Bank mit einem Haltestellenschild. Auf der Bank saß eine ältere Frau in einem grünen etwas ausgeblichenen Kleid. Als sie ihn sah, fing sie an laut zu rufen.

«Huchuu, Herr Schaffner. Wann kommt denn der Zug?»

Was war nur hier los? Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Sie hatten ihn nicht nur in das Altersheim verfrachtet. Er saß in der geschlossenen Abteilung.

Die Erkenntnis zwang ihn in die Knie. Er setzte sich auf den kühlen PVC-Boden. Unschlüssig was er jetzt machen sollte. Bevor er einen klaren Plan hatte, halfen ihm schon zwei Hände auf und schoben ihn den Gang entlang. Das Brüllen der alten Frau folgte ihnen. Völlig weggetreten ließ er es mit sich machen. Als er seine Umgebung wieder wahrnahm, merkte er, dass man ihn in den Gemeinschaftssaal geschoben hatte.

Kurz blickte er sich um. Man hatte ihn an den Katzentisch gesetzt. Der Ausschuss der Rentner. Rechts neben ihm saß eine ältere Dame, die ordentlich Speck auf der Hüfte hatte. Diese starrte ein Blatt an und jede Minute pickte sie das Papier leicht mit einem Stift an. Ihre Haare waren dicht an ihrem Kopf und sahen aus, als ob sie schon länger nicht mehr gewaschen worden waren.

Der Mann ihm gegenüber starrte nur vor sich auf den Tisch. Ein Vollbart verbarg den Großteil seiner Gesichtszüge. Sein Blick war leer.

Das ältere Mädchen links neben ihm hingegen wirkte noch etwas hektisch. Ein Blatt Papier lag vor ihr und ein paar Buntstifte. Ihre Hand schwebte zwischen den verschiedenen Stiften. Als sie merkte, dass Wilhelm sie ansah, blickte sie ihn neugierig an. Dann wurde ihr Blick wieder unsicher. Sah zu den Stiften runter und berührte einen roten Stift.

«Darf ich mit diesem Stift malen?», fragte sie Wilhelm.

«Nein.», fuhr er sie an.

Daraufhin wurde sie noch unsicherer. Dann nahm er den grünen Stift, gab ihn ihr. «Nur diesen darfst du benutzen.»

Wilhelm wusste, dass er fies war. Es war ihm nur egal.

Die anderen Beiden sahen nicht einmal auf. Ein Tisch an dem nur noch Gemüse saß.

Er musste sofort hier raus.

Verstohlen sah er sich um. Es gab drei Pfleger, die nichts anderes taten, als die Patienten im Auge zu behalten. Wenn er hier einfach in Richtung Ausgang spazieren würde, wäre es sehr auffällig.

Er setzte sich an einen Tisch, an dem die Patienten noch etwas fideler aussahen.

«Alles Schweinehunde. Selbst die Medikamente klauen sie einem.» Dabei fuchtelte der ältere Mann mit einem Katalog in der Luft.

«Dann sollten wir etwas unternehmen.», startete Wilhelm einen Versuch, die Patienten zu einem Aufstand zu bewegen.

«Können ja eh nichts ändern.», kam es sofort im Brustton der Überzeugung.

Vielleicht etwas Konkreteres. Also ließ Wilhelm dem Katalogwinker wissen, dass einer der Pfleger etwas mit seiner Frau hatte. Ein paar Sekunden später stürmte der Mann auf den Pfleger zu und schlug ihn mit dem Katalog.

Sofort eilten die anderen zwei Pfleger ihrem Kollegen zur Hilfe.

In diesem Tumult bemerkte niemand wie Wilhelm sich wieder auf den Flur schlich. Als er sich dem Bushaltestellenschild näherte, konnte er sofort die Frau hören.

«Wissen Sie, wann der Zug kommt?»

Charmant und in einem ruhigen Ton sagte Wilhelm: «Der fährt heute nicht hier ab. Der fährt auf Gleis 3.»

«Oh, wie komme ich denn da hin?» Ihre Stimme war laut und hallend. Wilhelm fürchtete, dass die alte Lady trotz des Tumultes zu hören war. Also sagte er lächelnd: «Hier entlang.» Dabei hielt er ihr die Hand hin um ihr aufzuhelfen. Hinter dem Vorhang war wie erwartet der Ausgang. Zu seiner Überraschung stimmten die Gerüchte über die geschlossene Abteilung des Altersheimes.

Wilhelm bugsierte seinen Anhang aus der Tür und folgte ihr. Er war immer noch in seiner Anlage. Daher kannte er sich ab hier gut aus.

«Wohin geht es denn heute?»

«Wir machen jetzt einen schönen Ausflug.», log er die Dame an.

«Ohh, wie schön. Ein schöner Ausflug.», rief diese direkt begeistert aus.

Für die paar hundert Meter bis zu seiner Wohnung brauchte das Pärchen eine ganze Weile. Seine Begleiterin war nicht mehr gut zu Fuß.

Es konnte nicht mehr lange dauern, bis ihre Flucht auffallen würde. Doch bevor er sich ernsthafte Sorgen machen konnte, stand er vor seiner Haustüre. Die Tür war weit geöffnet. Genauso auch die Wohnungstür. Als er diese betrat, fiel ihm auf, dass die Wohnung fast ausgeräumt war. Die Möbel waren abgebaut. Also ging Wilhelm in die Küche. Dort fand er nichts. Nicht einmal mehr Rückstände der Party waren auszumachen.

«Mei, ist das ein schöner Ausflug.», hörte er seine Begleiterin durch die Wohnung rufen. Diesen Satz wiederholte sie im Minutentakt.

Wilhelms Hoffnung war, Karl zu finden oder zumindest einen Hinweis auf seinen Verbleib zu entdecken. Doch nichts. Was sollte er jetzt nur machen? Es gab kein Zurück in sein Leben von gestern. Seine Wohnung wurde geräumt und sein neues Zuhause war die Hölle. Ansonsten hatte er keine Angehörigen, keine Freunde, keine Perspektive.

Dann ertönten Schritte im Flur.

«Mei, ist das ein schöner Ausflug.»

«Hallo, schöne Frau. Woher kommen sie denn?» hörte er Kais fröhliche Stimme.

«Vom Bahnhof.»

«Aha. Dann setzen Sie sich doch erst einmal hierhin und wir kümmern uns darum Sie nach Hause zu bringen.»

Danach hörte Wilhelm, wie Kai einen Anruf tätigte. Wilhelm rang mit sich selbst, ob er herauskommen oder sich weiter in der Küche verstecken sollte.

Als Kai die Küche betrat, nahm er Wilhelm damit seine Entscheidung ab.

«Wilhelm?», rief Kai überrascht. Doch in seinem Blick war eine Kälte.

«Was ist mit Karl passiert?»

«Herzinfarkt.» Dabei setzte Kai wieder sein Lächeln auf.

«Zu Tode erschreckt? Oder wurde anders nachgeholfen?» Es war nur eine Theorie, aber Wilhelm hatte damit voll ins Schwarze getroffen. Weder Heinrich noch Karl starben eines natürlichen Todes. Und ihm, Wilhelm, würde es genauso gehen.

«Macht das einen Unterschied?» Kai wusste, dass er seine Maske nicht mehr aufrechtzuerhalten brauchte. Niemand würde Wilhelm glauben und Karls Tod würde niemand für Mord halten.

«Und ich werde nun auch an meinem achtzigsten Geburtstag sterben? Oder wird es schneller gehen?»

Kai blieb ihm eine Antwort schuldig. Stattdessen zog er ein kleines gläsernes Gefäß aus seiner Tasche und stellte dieses auf den Küchentisch.

«Du kannst dich entscheiden. Ein Leben in der Geschlossenen oder du kannst dein Leben damit beenden.»

«Warum?»

«Auge um Auge.», sagte er schlicht.

Dabei wurde es Wilhelm heiß und kalt zur selben Zeit. Eine Erinnerung, die er schon mehrere Jahrzehnte verdrängt hatte stieg in ihm hoch. Sein schlechtes Gewissen kam wieder.

«Kowalski?»

Kai nickte lächelnd.

Traurig und verzweifelt sah Wilhelm das Glas auf der Ablage an. Eine Wahl hatte er nicht. Sein Leben war vorbei. Dennoch hatte er eine Frage.

«Die Bowle?»

«LSD.»

Kai hatte ganze Arbeit geleistet. Wilhelm nickte und nahm das Gläschen, schraubte es auf und trank es. Mit einem Klirren stellte er das leere Glas zurück auf die Ablage.

Lächelnd nahm Kai das Glas wieder an sich und ging in den Flur.

«Ist das ein schöner Ausflug.», trällerte die Frau in Grün.

​Die Spielgefährtin

Mein Vater ritt mit mir aus. Das Klackern der Hufe war laut und hallte leicht in dem Tal durch welches wir ritten. Kühlend strich der Wind über meine Stirn und zerrte leicht an meinem Kleid. Selbst durch meine dicke Kleidung spürte ich den kühlen Hauch. Doch der Morgen war schön und mein Vater war nur wenige Meter vor mir. Wir ritten zu unserem Lieblingsplatz. Eine kleine Lichtung im dichten Wald. Dort saßen wir und genossen die Sonne. Er nahm mich in den Arm. «Kind, so wie die Sonne wärmst auch du mir mein Herz. Ich wünschte wir finden jemanden der dein Herz genauso wärmt.»

Durch eine Berührung meines Armes kehrte ich in das Hier und Jetzt zurück. Eine ältere Frau aus dem Dorf, meine Nachbarin, drückte mir die Hand. Diese Erinnerung an meinen Vater fühlte sich nun sehr weit weg an, und doch war sie die Glücklichste, die ich besaß.

Die Nachbarn um mich herum waren alle in Schwarz gekleidet. Dies wirkte noch trister, da der Himmel in ein dunkles Grau gefärbt war. Nur noch kurz, dann würde es zu regnen beginnen. Heute würde ich meinem Vater zum letzten Mal nahe sein. Meine Stiefmutter stand auf der anderen Seite des Grabes. Auch sie war in Schwarz gekleidet. Ein schwarzes, etwas durchscheinendes Tuch flatterte vor ihrem Gesicht. Was schade war, denn ihre Züge waren wunderschön. Die schönste Frau im ganzen Dorf. Das war wohl der Grund, warum mein Vater sie geheiratet hatte.

Und nun wurde er beerdigt. Die Zeremonie strich an mir vorbei. Die Worte des Pfarrers nahm ich kaum wahr. Ein stetiges Rauschen, welches mich umgab, als ich auf den Sarg meines Vaters starrte. Kurz darauf war er für immer weg.

Als ich aufsah, begegnete ich dem Blick meiner Stiefmutter. Wütend starrte sie mich an. Ihr Hass war schon fast spürbar. Die umstehenden Versammelten schienen das nicht wahrzunehmen. Karina, meine Nachbarin, nahm mich an meiner Schulter und führte mich von dem Friedhof.

Als Nächstes kam der Leichenschmaus. Eines unserer Rinder war zu diesem Zweck geschlachtet worden. Warm loderte das Feuer hoch. Ich sah es, als ich daran vorbei ins Haus meines Vaters geführt wurde. Einige Reden wurden gehalten. Aber ich hörte nicht zu. Karinas Hände hielten mich noch immer fest. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich geborgen. Doch als mein Blick abermals meine Stiefmutter streifte, wurde mir bewusst, dass es nie wieder so etwas wie Geborgenheit in meinem Leben geben würde.

Dann war es vorbei. Die letzten Gäste gingen und ich war alleine mit der letzten Angehörigen meiner Familie. Meiner Stiefmutter. Die Stille lastete schwer auf uns. Nach kurzem Zögern wollte ich die Treppe zu meinem Zimmer hochgehen. Vollkommen erschöpft wollte ich nur noch schlafen.

Doch ein fester Griff um meinen Unterarm hielt mich davon ab die erste Stufe zu betreten.

«Du Dreckstück wohnst hier nicht mehr.»

«Was?», fragte ich schockiert.

«Das Erbe deines Vaters gehört mir. Und ich will dich hier nicht haben.»

Einen Moment stand mir der Mund offen. Ich sollte von hier weg?

«Wohin soll ich denn gehen?», fragte ich verzweifelt.

«Das ist mir egal. Geh in den Wald. Solltest du dich noch einmal hier blicken lassen, werde ich dich töten», schrie sie hysterisch. Dann holte sie aus und gab mir eine schallende Ohrfeige. Diese brannte heiß auf meiner Wange.

«Verschwinde, du Nichtsnutz. Durchfüttern werde ich dich auf gar keinen Fall.»

Obwohl sie eher eine zierliche Frau war, war ihr Griff kraftvoll. Fester als ich es erwartet hätte. Der Stoß, den sie mir gab, ließ mich in Richtung Tür torkeln. Mit Tränen in den Augen sah ich zu ihr auf. Kein Erbarmen stand in ihrem Blick, nur dunkler Hass. Die Faust erhoben, kam sie auf mich zu. Vor Schreck riss ich die Tür auf und rannte in die kühle Nachtluft.

Einige Nachbarn waren zu unserem – ihrem – Haus geeilt. Wie von Wespen verfolgt, rannte ich an ihnen vorbei, hinein in den Wald. Erst nach einigen Minuten wurden meine Schritte langsamer. Die kühle Luft brannte in meinen Lungen und mein Herz raste. Direkt vor einem großen Baum hielt ich an, stützte meine Hände darauf, während ich langsam in die Knie sank.

«Beruhige dich», flüsterte ich mir selbst zu. «Beruhige dich.»

Das Blut in meinen Ohren hämmerte laut. Zitternd umarmte ich mich selbst und weinte. Weinte laut. Es konnte mich niemand hören, ich war allein.

Etwas presste sich auf meinen Mund und dann war da nur noch Schwärze.

Langsam kam ich wieder zu mir. Übelkeit stieg in mir auf und der Raum drehte sich. Die Decke kam mir entgegen. Als es etwas besser wurde, drehte ich mich auf den Bauch. Erst da fiel mir auf, dass ich auf einem Bett lag. Mein ganzer Körper glühte. Einen arm ließ ich zu Boden sinken, dieser fühlte sich kühlend an. Als ob er die Hitze aus meinem Körper herausziehen würde.

Was war passiert? Wie war ich hierhergekommen?

Der flackernde Schein des Kerzenlichts schwebte über die Wände. Ich schloss die Augen, da sich noch immer alles drehte. Je länger ich die Wand beobachtete, desto mehr rebellierte mein Magen. Wasser sammelte sich in meinem Mund und ich schluckte immer wieder. «Hallo? Ist hier jemand?», krächzte ich. Meine Stimme war selbst für mich kaum hörbar. Meine Augenlider fühlten sich schwer an. Dann schlief ich wieder ein.

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, waren der Schwindel und die Übelkeit fort. Ich lag auf dem Rücken und starrte zur Decke. Diese war uneben und braun. Langsam setzte ich mich auf. Der Raum, in dem ich mich befand, war klein. Nicht aus Holz oder Stein. Er schien aus Lehm geformt worden zu sein. Die Wände waren so uneben wie die Decke und auch der Boden war gewellt. Eine Ecke des Raumes war mit Tüchern verhangen. Es musste der Eingang sein.

Als meine Beine den Boden berührten, spürte ich, dass dieser kühl war. Wo sind denn meine Schuhe hin? Ich musste mich am Bettrand festhalten, um nicht hinzufallen. Meine Beine zitterten und wollten mir nicht so recht gehorchen.

Jemand musste mich hierher gebracht haben. Also musste jemand hier sein.

«Hallo?», rief ich. Diesmal war meine Stimme laut und hallte von den Wänden wieder. «Ist hier jemand?»

Nichts war zu hören.

Als ich mich weiter umsah, bemerkte ich, dass sieben Betten in diesem Raum standen. Sieben Bewohner. Nur wo waren sie?

Langsam ging ich in die Richtung des Eingangs. Ich hatte Recht, es war ein Durchgang. Dieser führte zu einem weiteren Raum. In diesem stand ein gewaltiger Tisch. Es war für sieben Personen gedeckt. Teller und Becher waren aus Ton. Das Essen selbst schien kalt zu sein. Auf tönernen Platten waren Kartoffeln und gebratenes Fleisch angerichtet. Auch ein großer Laib Brot stand auf dem Tisch. Das roch köstlich. Also ging ich zur Tafel und setzte mich auf einen hölzernen kleinen Schemel. Der Teppich fühlte sich weich und flauschig unter meinen Füßen an. Gierig aß ich eine Scheibe Brot und ein paar Kartoffeln.

Wo waren die Bewohner? Von dem Esszimmer gingen zwei weitere Bereiche ab. Diese waren Öffnungen in der Wand und waren nicht mit Tüchern behangen, wie bei dem Schlafraum. Die erste Öffnung führte zu einer riesigen Küche. Der Boden und die Decke waren ebenfalls aus Lehm und sehr uneben. Im Kontrast dazu war die Küche gut ausgestattet. Mit einer riesigen Kochgelegenheit aus Stahl und aus Holz gefertigten Schränken war diese Küche ein Goldstück. Sie war weit größer als der Schlafraum und eine Wand war vollständig mit Töpfen und Pfannen eingerichtet. Ich öffnete eine Holztruhe. Kälte drang aus ihr hervor. Sie war mit Eis gefüllt. Darauf lag Fisch. Einiges Gemüse war auf einer Ablage zu finden. Allerdings war kein Messer vorhanden.

Kratz. Kratz.

Erschrocken drehte ich mich um. Die Geräusche kamen aus dem Esszimmer. Langsam ging ich wieder zurück in den anderen Raum. Dort standen sieben kleine Gestalten in Mäntel umhüllt und hatten mir den Rücken zugedreht.

«Hallo?» Selbst ich konnte hören, dass meine Stimme zitterte. Sie klang seltsam wieder in dem Raum. Die sieben Gestalten vor mir bewegten sich nicht. Einen Moment war ich unschlüssig was ich tun sollte. Eiskalt lief es mir den Rücken hinab.

Als ich schluckte, war mein Mund trocken. Mich innerlich verfluchend ging ich auf die Gestalten zu.

«Hallo?», fragte ich erneut. Mein Blut rauschte in meinen Ohren.

Nicht die kleinste Bewegung ging von ihnen aus. «Hallo?» Als ich die Hand auf eine Schulter legte, wurde mir bewusst, dass es keine lebenden Gestalten waren. Sie fühlten sich kalt an. Und als ich um die Erste herum ging, sah ich einer Lehmfigur in die Augen. Sieben Lehmfiguren in Zwerggengröße standen im Raum. Diese konnten sich nicht selbst hierher getragen haben. Jemand musste hier sein. Ich wand mich zum letzten unbekannten Winkel um und ging durch die Aussparung im Lehm. Der Raum war leer. Vollständig. Es war der kleinste Raum und bestand genauso wie die anderen aus Lehm. Ich wand mich um und ging durch das Esszimmer und wieder in den Schlafsaal. Niemand war zu sehen. Doch ich konnte nicht alleine sein. Irgendjemand hatte die Lehmfiguren in das Esszimmer gestellt. Nur wo war derjenige? Einige Momente später fiel mir auf, dass es keinen Ausgang gab.

Augenblicklich ging mein Atem schneller. Nein, das konnte nicht sein! Hier musste es einen Ausgang geben. Nochmal lief ich alle Räume ab. Kein Ausgang. Mir wurde schwindelig, da ich so schnell atmete. Langsam setzte ich mich auf ein Bett und versuchte mich zu beruhigen.

Alles wird gut, sagte ich mir selbst. Alles wird gut.

Nach ein paar Minuten konnte ich wieder klarer denken. Der Lehm war hart. Aber vielleicht war er so dünn, dass ich diese Behausung aufbrechen konnte. Ich nahm mir eine gusseiserne Pfanne aus der Küche und begann im Schlafzimmer auf die Mauer einzuschlagen. Lehm blätterte ab und so schlug ich mich langsam durch mein Gefängnis. Es entlockte mir ein Lächeln, als ich das letzte große Stückchen Lehm aus dem Loch holte. Doch dann erstarrte mein Gesicht. Dahinter verbarg sich Stein. Unebene Wand und kleine Zapfen sahen mir entgegen. Entsetzt kam mir die Erkenntnis, dass ich in einer Höhle eingesperrt war.

Ich schlug kleine Löcher in die Wände. In jedem Raum. Doch in keinem fand ich etwas anderes als Gestein. Mutlos sank ich auf ein Bett. Ich war hier mit jemand eingesperrt und dennoch gab es keinen Ausgang. Hatte ich meinen Verstand verloren?

Ich wachte auf. Mein Kopf dröhnte und meine Unterarme schmerzten noch etwas wegen der ungewohnten Belastung mit der Pfanne. Ich drehte mich zur Wand um und stellte fest, dass kein Loch in der Wand mehr zu sehen war. Gehetzt sprang ich auf und lief zu der Stelle. Der Lehm war zwar noch nass, aber jemand hatte das Loch aufgefüllt. Im Esszimmer und in der Küche bot sich mir dasselbe Bild.

Das konnte doch nicht wahr sein! Hatte ich das alles nur geträumt? Oder hatte ich mit meinem Vater und meinem Zuhause auch mein Verstand verloren?

In der nächsten Zeit schlief ich viel. Meine Umgebung zerstörte ich nicht mehr und sie veränderte sich auch nicht. Die Küche füllte sich öfters mit Nahrungsmitteln. Ab und zu waren auf magische Weise gekochte Speisen in der Küche und auf dem Esszimmertisch zu finden. Hin und wieder machte ich mir das Essen selbst. Die Lehmzwerge veränderten von Zeit zu Zeit ihren Standort. Darüber wunderte ich mich nicht mehr.

Eines Tages fing ich an mit einer der Lehmfiguren zu reden. Danach gab ich ihnen Namen. Das nahm der Stille, in der ich eingesperrt war, ein wenig die Einsamkeit.

Mein Lieblingslehmzwerg war der Rundeste von allen und hatte den Namen Brösel bekommen. Oft saß ich ihm gegenüber und führte imaginäre Gespräche. Es war trotzdem schön, da er nicht widersprach und mich tröstete.

Wir saßen uns gegenüber und jeder hatte einen Teller vor sich. Auf Brösels Teller war nur ein wenig Salat. Er wollte in nächster Zeit auf seine Linie achten. Als ich ihm anbot ebenfalls Verzicht zu üben, um es ihm einfacher zu machen, meinte er nur, dass ich schon jetzt verhungert aussehen würde. Brösel war charmant und hatte es echt drauf.

Wie viel Zeit vergangen war, konnte ich nicht sagen. Auch nicht, ob es Tag oder Nacht war. Ich schlief, ich wachte auf. Ob es einen Rhythmus gab, wusste ich nicht.

Eines Tages fand ich ein Schachbrett auf dem Esstisch. Es hatte ein schwarz-grünes Muster und die Figuren waren aus zwei verschiedenen Metallen. Alle Figuren standen in zwei Reihen und waren zum Spielen aufgebaut. Bis auf einen weißen Bauern, welcher nach vorne geschoben war. Direkt neben dem Spiel lag ein Zettel. Darauf stand: Spiel mit mir?! Die Handschrift war schön geschwungen und langgezogen.

Nachdem ich mich nur noch über die interessante Wendung gefreut hatte, war ich bereit zu spielen. Ich würde alles annehmen, was meinen Alltag erträglicher machen würde. Ich ließ einen schwarzen Springer in die dritte Reihe springen. Danach legte ich mich wieder hin.

Doch am nächsten Tag war das Schachbrett verschwunden und ebenso der Zettel. Ich war enttäuscht. Die nächste Zeit zog sich endlos hin. In dieser Zeit veränderte sich nichts. Selbst Brösel blieb immer an Ort und Stelle. Kein plötzlicher Platzwechsel. Meine kleine tönerne Welt fühlte sich noch etwas verlassener an, als ohnehin schon.

Doch nach ein paar Tagen war Brösel wieder verstellt. Er befand sich in dem leeren Raum. Allerdings war der Raum nun nicht mehr leer. Dort hatte ein Bett Platz gefunden und ein provisorischer Schrank. An diesem hing eine wunderschöne Tracht. Sie war im Grundton grün und hatte eine graue Schürze dabei. Obwohl ich nicht wusste, woher das Kleid kam, freute ich mich darüber und umarmte Brösel.

«Danke. Es ist wunderschön.»

Leichtfüßig nahm ich das Kleid und tanzte damit durch die Räume. In diesem Moment war ich glücklich. Vielleicht hatte das alles auch sein Gutes.

In der darauffolgenden Nacht schlief ich, wie ich annahm, in meinem eigenen Zimmer. Etwas das man mir geschenkt hatte und irgendwie mir gehörte. In dieser Nacht träumte ich mit einem Lächeln auf meinen Lippen.

Am nächsten Tag zog ich das neue Kleid an und fühlte mich schön darin. Der Stoff war weich und schmiegte sich an meine Haut an. Dagegen war das Kleid davor sehr hart und kratzig gewesen.

Als ich ins Esszimmer kam, sah ich einige Bücher und einen Kamm, der die passende Farbe zum Kleid hatte. Ohne Spiegel war es aber schwierig eine Frisur hochzustecken. Doch zum Schluss gelang es mir, die meisten Haare mit dem Kamm festzuklemmen.

Beschwingt führte mich dann mein Weg in die Küche und ich schenkte mir einen Becher Wasser ein. Mir wurde etwas mulmig. Vielleicht half etwas Wasser. Aber als ich einen Schluck davon trank, wurde der Schwindel schlimmer. Meine Hand versuchte noch sich am Herd festzuhalten. Meine Muskeln krampften. Stechende Schmerzen fuhren durch meine Arme und Beine. Keuchend schnappte ich nach Luft, dann wurde mir schwarz vor Augen.

Nur langsam kam ich wieder zu mir. Mein Kopf pochte und schmerzte und meine Zunge fühlte sich pelzig an. Mir war kalt. Der Kamm lag neben mir und darunter lag ein Zettel.

«Du solltest nichts von Fremden nehmen. Es könnte von deiner Stiefmutter sein.»

Meine Augen brannten. Brösel war in die Küche verfrachtet worden. Froh, dass er da war, kroch ich zu ihm und umarmte seine kalte Gestalt. Langsam liefen mir Tränen die Wange hinab. Heiß brannten sie eine Spur hinab zu meinem Kinn, nur um dann dort herunterzufallen.

Jemand versuchte mich umzubringen. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Danach machte ich ein kleines Feuer im Herd und verbrannte den Kamm.

Lange saß ich mit dem Rücken zur Wand und starrte mein Umfeld und meine Lehmkameraden an. Versuchte alles in ein Bild zu bekommen. Jemand spielte mit mir. Jemand versuchte auch mit mir zu kommunizieren. Aber er war nicht sichtbar und an diesem Ort war es nicht möglich weg zu kommen oder hinein. Der vergiftete Kamm und die Lehmfiguren. Ein Teil des Rätsels fügte sich zusammen. Jemand spielte ein Märchen mit mir nach. Schneewittchen und die sieben Zwerge. Nur warum? Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter. War derjenige ein Geist?

Was sollte als Nächstes kommen? Der vergiftete Apfel und danach ein glückliches Ende für mich. Werde ich danach freigelassen?

Tagelang war ich mit meinen Gedanken alleine. Zwar wurden Brösel und die anderen hin und hergeschoben, aber ansonsten war kein neuer Gegenstand in meinem Verlies zu finden. Seit dem Vorfall mit dem Kamm fühlte sich dieser Ort bedrohlich an. Ungefähr zwölfmal schlief ich, bis ein Apfel auf dem Tisch stand und mich verheißungsvoll ansah.

Was sollte ich tun? Darauf vertrauen, dass alles gut ging oder aufhören zu spielen?

Soviel Vertrauen hatte ich nicht. Ich verbrannte den Apfel, genauso wie Tage zuvor den Kamm. Erst danach war ich erleichtert. Ich nahm mir eines der Bücher und versuchte Zeit totzuschlagen. Inzwischen fühlte es sich an, als ob ich zu viel Zeit hätte. Zuviel Zeit und keine Zukunft.

Am nächsten Tag lag ein neuer Apfel auf dem Tisch. Dem Zweiten erging es wie dem Ersten. Ich bemerkte, dass die Vorräte sich nicht auffüllten, wie üblicherweise. Stattdessen fehlte sogar ein großer Teil. Du stehst das durch, sagte ich mir immer wieder. Auf keinen Fall wollte ich wissentlich Gift essen.

Nach einigen Tagen war kein Bissen mehr von den Vorräten vorhanden. Allzeit bereit war jedoch der Giftapfel, welcher jeden Tag erneut auftauchte. Egal was ich damit auch anstellte. Zwei Tage, nachdem das Essen versiegt war, wurden auch das Wasser und die Kerzen nicht mehr aufgefüllt. Nach zwei weiteren Tagen brannten meine Lippen höllisch und die Kraft verließ mich. So konnte ich nicht mehr weitermachen. Mein Kopf dröhnte und mein ganzer Körper schrie. Dieses Kräftemessen konnte ich nicht gewinnen.

Warum mich also noch länger quälen? Ich nahm den Apfel, der nur eine Armlänge von mir entfernt lag und kroch zu Brösel. Er stand in der Küche. Unendlich langsam bewegte ich mich auf ihn zu. Ich merkte, dass das Licht im Esszimmer ausgegangen war. Die Kerzen in der Küche waren jetzt noch das letzte Licht in dieser Gruft.

«Nun, Brösel. So wird es jetzt enden? Hier sterbe ich nun», krächzte ich. «Zumindest sterbe ich umgeben von Freunden. Und noch im letzten Licht, das bald ausgehen wird.» Mein Rücken kühlte ab an den Stellen, die sich an Brösel anlehnten. Aber das war jetzt egal. Einen großen Bissen nahm ich von dem rotbäckigen Apfel. Zuerst schmeckte er süß, dann wurde er bitter. Ich konnte nicht mehr sagen, ob die Kerze erlosch oder ob es nur mein Bewusstsein war, welches sich verdunkelte.

Ich merkte noch, dass der Boden kühl war. Warme Hände stützten meinen Kopf ab. Langsam nahmen meine Augen wieder Konturen wahr und ich konnte erahnen, dass jemand bei mir war. So richtig konnte ich ihn nicht erkennen. Lippen pressten sich auf meinem Mund und Hände wanderten über meinen Körper. Sofort wehrte ich mich und schlug auf den Fremden ein. Ich traf seine empfindliche Stelle und er rollte von mir herunter. Schnell setzte ich mich auf und sah, dass hinter dem Regal mit Töpfen ein Loch war. Dort war der Ausgang. Dieses Loch war nicht groß und inzwischen hatte sich mein Kidnapper wieder aufgerichtet und stand zwischen der Freiheit und mir.

Drehend sprang ich auf und versuchte in das Esszimmer zu flüchten. Doch ein Stoß in meinen Rücken ließ mich vorwärts taumeln und ich stieß hart gegen den Tisch. Dieser kippte lautstark um. Meine Arme, die an die Kanten gestoßen waren, schmerzten. Danach fiel ich kniend auf den Teppich.

Zu meinem Erstaunen bremste der Teppich meinen Fall nicht und ich stürzte durch ihn hindurch. Unter diesem befand sich ein kleiner Höhlentunnel und durch den weichen Teppichboden gedämpft schlug ich nicht allzu hart auf. Am Ende dieses Tunnels konnte ich Tageslicht sehen. Hier war also ebenfalls ein Ausgang. Durch diese beiden Gänge hatte er wohl immer alles aufgefüllt und umgestellt. Hier war meine Freiheit. Schnell krabbelte ich auf allen Vieren den Tunnel entlang. Doch dann griff etwas nach meinem Fuß und zog mich aus dem Tunnel heraus zurück in das Lehmgefängnis.

«Du wirst mir nicht mein glückliches Ende nehmen», schrie er mich an.

Sein Schlag gegen meine Wange war brutal. Es war, als ob meine rechte Schläfe platzte. Einen Moment war ich benommen und kam auf dem Teppich zum Liegen. Sofort fühlte ich einen festen Griff um meinen Hals. Ich merkte, dass mir der Atem wegblieb und meine Ohren brummten. Sein Griff war hart und erbarmungslos. Genau in diesem Moment sah ich ihm in sein Gesicht. Es war vernarbt und sehr kantig. Brandwunden vielleicht. Gurgelnd und strampelnd verlor ich das Bewusstsein. Doch durch das laute Rauschen hörte ich ihn noch sagen: «Du hättest mitspielen sollen.»

Als die Bewohner des kleinen Dorfes die Leiche des Mädchens fanden, waren diese schockiert. In einem gläsernen Sarg lag eine junge Frau mit einem graugrünen Kleid. Es sah aus, als würde sie nur schlafen. Noch genauso schön und rosig lag sie dort. Doch in ihr befand sich kein Leben mehr. Auch in den darauffolgenden zwei Wochen veränderte sich ihr Aussehen nicht.

Daher vermuteten die Bewohner, dass die Stiefmutter Kathreina eine Hexe sei und sie das arme Mädchen verwunschen hatte. Jeder im Dorf hatte die Drohungen gehört, die sie ausgestoßen hatte. Sie beerdigten das lebendig aussehende Mädchen neben ihrem Vater. Am selben Tag wurde ihre Stiefmutter auf dem Scheiterhaufen verbrannt.